Tierische Berichte

Meine Erfahrungen mit Stabheuschrecken

Der folgende Bericht handelt von meinen Erfahrungen in der Haltung von Stabheuschrecken. Zwar lebten die Tiere sehr lange, aus den gelegten Eiern schlüpften aber nie Jungtiere. Daher gebe ich keine Garantie bezüglich der Verwendbarkeit dieser Informationen zu irgend einem Zweck.

Zu Stabheuschrecken kam ich ausgerechnet über die Informatik: Die beiden Stabheuschrecken, welche ich immerhin einen Sommer lang hielt (Mitte bis Ende 2003), waren ein Geschenk eines Informatikprofessors der Fakultät für Mathematik und Informatik Halle, welcher Tiere übrig hatte. Nachdem er hörte, dass ich Biologie im Hauptfach studiere, schenkte er mir zwei Individuen.

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Indische Stabheuschrecke (Carausius morosus)

Übersicht

  1. Aussehen und Lebensraum
  2. Ernährung
  3. Fortpflanzung
  4. Haltung
  5. Besonderheiten
  6. Bildergalerie
  7. Fachbegriffe

1. Aussehen und Lebensraum

C. morosus ist ein im Geäst von Büschen und Bäumen lebendes Insekt der tropischen und subtropischen Waldgebiete Indiens. Sein einmaliges Erscheinungsbild (welches das Tier aussehen lässt, als käme es von einem anderen Stern) ist eine Anpassung an diesen besonderen Lebensraum. Stabheuschrecken haben im Laufe der Evolution gelernt, sich meisterhaft als Ast auszugeben. Die Anpassungen umfassen dabei Form, Farbgebung und Verhalten sowohl der erwachsenen Tiere wie auch das Aussehen der Eier und Jungtiere. Stabheuschrecken können zur Verbesserung ihrer Tarnung ihre Vorderbeine dicht neben den Kopf legen (was sie noch mehr wie ein Ast aussehen lässt, siehe folgendes Bild) oder einen im Wind schaukelnden Ast mimen, indem sie mit dem Körper wippende Bewegungen vollführen. Zusätzlich können sich Stabheuschrecken bei Gefahr vollkommen tot stellen. Im Ergebnis ist eine derart getarnte Stabheuschrecke praktisch unauffindbar, selbst für ein so visuell orientiertes Lebewesen wie den Menschen.

Stabheuschrecke in typischer Körperhaltung

C. morosus in typischer Tarnstellung. Die beiden vordersten Beine sind eng an den Kopf angelegt.

Kopf - und Thoraxbereich

Kopf - und Thoraxbereich von C. morosus. Gut zu erkennen: Die rote Färbung der Schenkelinnenseiten. Die Vorderbeine sind eingebuchtet, damit der Kopf ganz eingezogen werden kann.

2. Ernährung

Stabheuschrecken sind Vegetarier. Sie ernähren sich von den Blättern verschiedener Bäume und Sträucher. Diese umfassen unter anderem, aber sicher nicht ausschließlich, die folgenden Pflanzen:

Am besten kann Efeu als Futter verwendet werden. Efeu ist immergrün, d.h. man findet auch im Winter Blätter, außerdem wächst es so gut wie überall. Efeu dient den Tieren nicht nur als Nahrung, sondern auch als Lebensraum. Stabheuschrecken haben einen gesunden Appetit, daher muss regelmäßig für Efeu-Nachschub gesorgt werden.

3. Fortpflanzung

Stabheuschrecken pflanzen sich parthenogenetisch fort- Männer sind überflüssig. Parthenogenese ist keine asexuelle Vermehrung (das wäre Klonen), sondern eine reduzierte Form der sexuellen Fortpflanzung. Im Gegensatz zu asexueller Vermehrung sind bei Parthenogenese die Nachkommen genetisch von ihren Müttern verschieden, denn es findet wie bei "echter" sexueller Vermehrung Crossing-over [1] während der Meiose [2] statt. Das einzige, was eingespart wird, sind die Männchen und damit die Befruchtung der Eizellen durch Spermien. Somit gibt es zwar weniger genetische Vielfalt als bei der Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium, aber die Nachkommen sind immerhin keine Klone. Dennoch kommen bei Carausius morosus in seltenen Fällen auch Männchen vor - sie sind aber offensichtlich "funktionslos. Jedenfalls wurde noch nie eine Paarung beobachtet.

Eier von Carausius morosus

Eier von C. morosus. Die Eier besitzen einen "Operculum" genannten Verschluß, welcher eine Sollbruchstelle für das Schlüpfen der Jungtiere bildet. Auf dem Operculum sitzt ein hier im Bild gut sichtbarer rosafarbener Pfropf, das Capitulum.

Die Eier von C. morosus sind klein (Länge: ca. 2 - 3 mm), tonnenförmig, mit einer harten Schale versehen und dank dunkelbrauner Färbung am Boden bestens getarnt. Ein einzelnes Weibchen legt bis zu vier Eier pro Tag, daher kann es schnell passieren, dass ein Terrarium mit Eiern (und somit auch mit Jungtieren) geradezu "überschwemmt" wird. Die Entwicklung des Embryos dauert mehrere Monate. Stabheuschrecken praktizieren eine direkte Entwicklung, weshalb die aus dem Ei schlüpfende Larve den erwachsenen Tieren bereits ähnlich sieht. Nach mehreren Häutungen entsteht nach einigen weiteren Monaten das adulte, erwachsene Tier.

Bedauerlicherweise schlüpften aus den Eiern, die meine Tiere legten, aber nie Jungtiere. Daher gelang es mir nicht, eine sich selbst erneuernde Population aufzubauen.

4. Haltung

Die Haltung von Stabheuschrecken ist unkompliziert. Was sie brauchen, ist ein ausreichend großes Terrarium (ca. 50 cm X 30 cm X 30 cm ), wie man es in den meisten Zoohandlungen für etwa 20 Euro kaufen kann. Dieses wird mit dem Futter (z.B. Efeu) gefüllt und mit im Supermarkt erhältlichem Fliegennetz abgedeckt. Den Boden kann man mit Erde bedecken, aber zwingend nötig ist das nicht. Es hat sogar Vorteile, den Boden des Terrariums frei zu halten, denn so kann man Kot und Eier einfacher aufsammeln. Das Fliegengitter kann zusätzlich z.B. mit Steinen beschwert werden, um ein Entkommen der Tiere unmöglich zu machen.

Für die Aufzucht der Eier verwendete ich ein zweites, kleineres Becken, dessen Boden mit Erde bedeckt und ebenfalls mit Fliegengitter abgedeckt wurde. Den Boden des Aufzuchtbeckens hielt ich feucht, damit sich die Eier entwickeln können.

Die erwachsenen Tiere sollten zweimal täglich mit Wasser besprüht werden, damit sie genug Feuchtigkeit erhalten. Die Lufttemperatur sollte unterhalb von 30 Grad Celsius liegen, auf jeden Fall aber nicht über längere Zeit hinweg 30 Grad übersteigen. Außerdem sollte die Luft nicht zu trocken sein, denn sonst verhärtet der Chitinpanzer der Tiere zu sehr und die Häutung misslingt, wodurch die Tiere in ihrer alten Haut stecken bleiben und sterben. Dieser Fall trat bei meinen Tieren glücklicherweise nicht auf.

Terrarium für Stabheuschrecken

In diesem Terrarium hielt ich meine Stabheuschrecken.

5. Besonderheiten - was man über die Tiere noch wissen sollte

Ein einzelnes Bein einer Stabheuschrecke ist kräftig genug um das ganze Tier zu halten. Es sieht verblüffend aus, wenn eines der Tiere mit dem Kopf nach unten herabhängt, sich dabei aber mit nur einem Bein am darüber befindlichen Zweig festhält.

Der Chitinpanzer der Tiere ist weich und elastisch - und ermöglicht es der Stabheuschrecke, die einzelnen Segmente des Thorax (Brustbereich) um mehr als 180 Grad gegeneinander zu verdrehen. Auf diese Weise haben sich schon mehrfach von mir gefangene Stabheuschrecken erfolgreich an meiner Hand festkrallen können, obwohl ich die Tiere am Rücken gepackt hatte.

Die Füße der Stabheuschrecken sind mit Haken versehen und bestens geeignet, um Glaswände hochzuklettern - oder auch, um den Versuch einer Gefangennahme in das Spiel "Stabheuschrecken-Tauziehen" entarten zu lassen. Mit den Krallen können sich die Tiere wirkungsvoll an Ästen oder Blättern festkrallen und somit ein Einsammeln erheblich erschweren.

Die bereits angesprochene Fähigkeit der Tiere, sich tot zu stellen, ist jeder professionellen Schauspielkunst ebenbürtig. Das kann soweit gehen, dass sie auch tatsächlich für tot gehalten werden. In der Schreckstellung reagieren Stabheuschrecken nämlich mitunter auf gar nichts mehr, auch nicht auf die Berührung durch Menschen.

6. Bildergalerie

Begegnung der dritten Art?

Für's Foto aus dem Terrarium genommen: Eine der Stabheuschrecken.

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider... Schau in meine Augen...

Bild rechts: Natürliche Tarnhaltung einer Stabheuschrecke

Bon Appetit!

Fressende Stabheuschrecke. Deutlich sichtbar: Die halbkreisförmige Fraßspur am Efeublatt.

7. Fachbegriffe erläutert

Crossing-over

Unter Crossing-over versteht man einen Genaustausch zwischen homologen Chromosomen. Dazu legen sich zunächst die jeweiligen Chromatiden der Chromosomen eng aneinander und überkreuzen sich. Es treten Doppelstrangbrüche in der DNA auf, wodurch Teile der Chromatiden wechselseitig ausgetauscht werden können. Nach erfolgter Verheilung der Brüche ist der Austausch komplett. Crossing-Over steigert die Vielfalt unter den Nachkommen einer sich meiotisch teilenden Zelle, denn die Tochterzellen erhalten nicht nur einfach entweder ein väterliches oder mütterliches Chromosom, sondern ein "Mosaikchromosom" mit zufälligen Eigenschaften. Wie bei einem Kartenspiel ist hier zwar eine bestimmte mögliche Vielfalt vorgegeben (durch den väterlichen bzw. mütterlichen Chromosomensatz der reifenden Keimzelle), aber die resultierenden Keimzellen erhalten eine zufällige Auswahl an "Karten" (bzw. Genen) und daher nicht jede Tochterzelle die gleichen "Karten" bzw. Gene.

Meiose

Unter Meiose versteht man die Bildung reifer Keimzellen (Gameten) aus einer Vorläuferzelle. Dabei wird für jede Zelle der diploide Chromosomensatz auf einen haploiden Satz reduziert, somit also die genetische Information - im Gegensatz zur normalen Zellteilung - nicht gleichmäßig auf die Tochterzellen (die Gameten) verteilt, da die homologen Chromosomen getrennt werden.